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"Faszination 2012" - Droht der Weltuntergang?

aufklärende E-Mail von Jens an einen Journalisten:


Guten Tag, Herr Christler,

wenn heute jemand behautet, dass die Maya für den 21. Dezember 2012 einen Weltuntergang vorhersagen, weil ihr Kalender an diesem Tag zu Ende geht, dann ist das eigentlich in vierfachem Sinne falsch (man wir fast gar nicht fertig mit dem Zählen, wie viel mal das falsch ist).

Zuerst einmal kommt ja das Datum 2012 nur dadurch zustande, dass es dem Ende eines 400-Jahr-Zyklus entspricht, d.h. wenn sich der 400-Jahr-Zyklus das 13. Mal vollendet. Es handelt sich also um eine Zeitperiode der sogenannten Langen Zählung, welche von den Maya das letzte Mal in einer Steininschrift im Jahr 909 nach Christus benutzt wurde. In einer Codex-Inschrift entspricht das letzte Datum der Langen Zählung dem Jahr 1210. Dieser Codex ist der Dresdener Codex, der sich übrigens bis 1739 in Wien befand. Danach geriet die Lange Zählung in Vergessenheit, und wurde ersetzt durch eine sogenannte Kurze Zählung, in der sich eine Kalenderangabe nach 260 Jahren wiederholt. Auch diese Zählung ist kurz nach der Conquista in Vergessenheit geraten. Demzufolge gibt es also heute keine Maya, welche, aufgrund einer überlieferten Tradition, zu dem Schluss kommen würden, dass Ende 2012 irgendein Kalenderzyklus zu Ende geht.

Zweitens entspricht das uns betreffende Datum 13.0.0.0.0. 4 Ajaw 3 K´ank´in nicht dem 21., sondern dem 23. Dezember 2012. Die Mayaforscher sind sich nicht einig, ob man die gegenwärtige Ära des Mayakalenders vom 11. August 3114 vor Christus bis zum 21. Dezember 2012 zählen muss, oder vom 13. August 3114 vor Christus bis zum 23. Dezember 2012. Im Buch „Faszination 2012 – Das Buch zum Mayakalender“ haben mein Co-Autor Mario Krygier und ich in 7 Kapiteln auf ausführlichste Weise den Umrechnungsfaktor vom Maya-Kalender zum gregorianischen Kalender hergeleitet, ausgehend von der erstaunlichen Tatsache, dass es im Verlaufe der Mayaforschung über 50 Vorschläge dafür gegeben hat, und wir waren zum Schluss gekommen, dass der 13. Baktun-Zyklus unbedingt dem 23. Dezember 2012 entsprechen muss. Um nur ein einziges Argument zu nennen: in Palenque gibt es einen Text, der für das Mayadatum 9.11.6.16.11. 7 Chuwen 4 Ch´een eine Mondfinsternis erwähnt. Nach der Korrelation 11. August 3114 vor Christus fällt dieses Mayadatum im gregorianischen Kalender auf den 8. August 659. In dieser Nacht war aber keine Mondfinsternis sichtbar. Nach der Korrelation 13. August 3114 v.Chr. entspricht dieses Mayadatum dem 10. August 659, also 2 Tage später. Und in dieser Nacht war tatsächlich eine Mondfinsternis in Palenque sichtbar. Das kann ja jeder selbst nachprüfen mit einem guten Astroprogramm.

Drittens gibt es kein besonderes astronomisches Ereignis das auf Ende Dezember 2012 fällt (egal ob nun auf den 21. oder 23.). Dass sich die Sonnenbahn zur Wintersonnenwende 2012 mit dem galaktischen Äquator kreuzt, ist in Wirklichkeit vollkommen bedeutungslos. Zuerst einmal ist die Verteilung der Sterne in der Milchstraße so ungleich, dass der galaktische Äquator gar nicht so genau zu definieren ist, und außerdem kreuzt die Sonnenbahn diesen Äquator jedes Jahr. Es wird nun von einigen Autoren behauptet, dass 2012 die Kreuzung der Sonnenbahn (Ekliptik) mit dem Himmelsäquator genau auf die Wintersonnenwende fällt. Man muss bedenken, dass sich die Sonne gegenüber dem Sternenhimmel so langsam bewegt, dass es 36 Jahre dauert, bis die Sonne eine Strecke zurücklegt, die nur einem Sonnendurchmesser entspricht. Tatsächlich findet das Kreuzen der Sonnenbahn mit dem galaktischen Äquator zum Zeitpunkt der Wintersonnenwende schon seit 1983 statt, und wird noch bis 2019 andauern. Da gibt es also nichts, was gerade das Jahr 2012 irgendwie auszeichnen würde.

Viertens muss man bedenken, dass das Datum 13.0.0.0.0. 4 Ajaw 3 K´ank´in (23. Dezember 2012) noch lange nicht das Ende des Mayakalenders bezeichnet. Es gibt zwar viele antike Inschriften, welche die Zahl 13 (die hier für den 400-Jahr-Zyklus Baktun steht) in diesem Datum mit Null gleichsetzen, was darauf hindeutet, dass hier ein Zyklus enden könnte, andererseits haben wir Inschriften, welche über dieses Datum hinausgehen. In Palenque gibt es einen Text, der hier bis 20 zählt, also bis 20 mal 400 Jahre. Das entsprechende Datum fällt in das Jahr 4772. Auch dann würde die Welt für die Maya immer noch nicht untergehen. Denn die Maya haben dann einen weiteren Zyklus benutzt, der 8000 Jahre umfasst. Dieser wird auch wieder 20 mal gezählt, usw. Die Zyklen werden dann immer größer, und werden stets 20 mal gezählt. Die Maya hatten also die Idee, dass die Zeit sowohl zyklisch, als auch linear betrachtet werden kann. An dieser Stelle möchte ich noch erwähnen, dass nicht jede Inschrift, welche das Datum 13.0.0.0.0. erwähnt, dem Jahr 2012 entspricht. Das ist nur dann der Fall, wenn das komplette Datum 13.0.0.0.0. 4 Ajaw 3 K´ank´in heißt. Wenn das Datum 13.0.0.0.0. 4 Ajaw 8 Kumk´u heißt, dann entspricht es in unserem Kalender dem 13. August 3114 vor Christus. In den tausenden von antiken Mayatexten gibt es nur einmal den Fall, dass das Datum 13.0.0.0.0. 4 Ajaw 3 K´ank´in geschrieben wurde (in Tortuguero). Und was steht da geschrieben? Jedenfalls nichts von einem Weltuntergang, sondern nur, dass sich der 13. Zyklus von 400 Jahren vollenden wird und ein Gott der Zeitenwende anwesend sein wird. Also etwas ganz banales.

Man könnte noch viele weitere Einwände anführen, zum Beispiel warum es gar keine präzisen Prophezeiungen bei den Maya gibt, aber das führt in diesem Rahmen schon zu weit. Oder ich könnte erwähnen, dass die Lange Zählung im Jahre 747 vor Christus ins Leben gerufen wurde (wie ich im Buch „Don Eric und die Maya“ hergeleitet habe), zu einer Zeit also, als es unmöglich war, Vorhersagen über das Jahr 2012 zu machen, weil man zu dieser Zeit gar nicht über genügend lange Beobachtungen verfügte, um irgendwelchen präzisen Berechnungen durchzuführen. Warum wird dann also behauptet, dass uns 2012 etwas Unheilvolles bevorstehen würde? Die Antwort ist die gleiche wie für das Jahr 2000 und für jedes andere Jahr, in dem die Welt angeblich untergehen sollte: Wichtigtuerei und Geschäftemacherei. Bücher werden verkauft, und Kinosäle gefüllt. Der neue Kinoschinken „2012“ von Roland Emmerich wird zweifellos wieder ein paar Millionen einfahren. Aber schließlich wollen wir unterhalten werden. Da ist ja nichts dagegen zu sagen. Ein paar Leute werden die Sache mit dem Weltuntergang leider zu ernst und zu wörtlich nehmen – das ist dann natürlich bedauerlich.

Für die Maya selber findet der Untergang ihrer Welt nicht plötzlich, sondern allmählich statt, und dauert schon 500 Jahre lang an. Anlässlich des Jahrestages der angeblichen Entdeckung Amerikas am 12. Oktober haben die Maya Guatemalas eine Pressemitteilung herausgegeben, in der es heißt, dass sie seit 1492 die Zerstörung ihres Volkes und ihrer Kultur erleben, dass ihre Ländereien weggenommen werden, ihre Sprache nicht respektiert wird, dass sie gewaltsam christianisiert werden, Misswirtschaft, Korruption und Demagogie ertragen müssen, und bis heute ihre Naturressourcen geraubt und zerstört werden. In Guatemala leben etwa 80% der Maya in Armut. Obwohl sie die Mehrheit der Bevölkerung darstellen, sind sie politisch in der Minderheit. In Mexiko sieht es teilweise noch schlimmer aus, denn in den archäologischen Stätten haben die Maya nicht einmal das Recht, ihre traditionellen Riten durchzuführen – nicht einmal eine Muscheltrompete dürfen sie dort blasen. In Guatemala haben sich die Maya das Recht erkämpft, ihre Zeremonien wieder durchzuführen, unter anderem verbrennen sie dort (auf neuen Altären) wieder Weihrauch als Nahrung für die Seelen der Ahnen.

Die 30 Mayavölker sind heute in der Existenz bedroht. Ihr physisches und kulturelles Überleben steht auf dem Spiel. Die Cholti-Maya sind bereits verschwunden. Ihre Welt ist bereits untergegangen. In vielen Dörfern Mexikos trifft man auf Maya, und man stellt fest, dass die Generation der Großeltern noch fließend die Mayasprache spricht, die Generation der Eltern nur noch teilweise, und die Generation der Kinder versteht noch die Sprache, spricht sie aber nicht mehr.

Der Schamane „Kleine Sonne“ der Lacandon-Maya sagte einmal: „Erst wenn der letzte Baum gefällt ist, dann kommt das Ende der Welt. Jetzt noch nicht, aber bald ist es so weit.“

Wir müssen also nicht ins Fernrohr gucken, zu irgendeinem galaktischen Äquator, sondern haben die Antwort direkt vor unserer Nase. Wann die Welt untergeht, hängt ganz einfach von uns Menschen selbst ab.

Wer mehr über die Maya erfahren will, dem möchte ich empfehlen, natürlich zuerst das zu studieren, was die Maya selbst verfasst haben, nicht was andere Bleichgesichter über die Maya geschrieben haben. Die umfangreichste Quelle der Maya selber ist ihr heiliges Buch, das sogenannte Buch des Rates „Poopol Wuuj“ – ein antikes Manuskript aus dem 16. Jahrhundert, welches auf wunderbare Weise bis heute als Abschrift aus dem Jahr 1702 erhalten ist. Es widerspiegelt die Vision der Maya von der Erschaffung der Welt bis zur Conquista. Ich habe es vor einigen Jahren direkt aus der Mayasprache ins Deutsche übersetzt, sogar Zeile für Zeile der Mayasprache gegenübergestellt. Dieses Werk erlaubt einen erstklassigen Einblick in die Mythologie und die Weltanschaung der Maya. Die Originalität dieses Werkes und das Traditionsbewusstsein der Maya, welches bis heute bewahrt wird, sind für mich neben dem originellen Kalendersystem die beeindruckendste Seite der Maya. Wer erst einmal vorsichtig hineinschnuppern will, kann sich auf unserer Webseite umschauen, wo einige Passagen aus dem heiligen Buch vorgestellt werden: www.faszination2012.de.

Viel Spaß beim Lesen!

Jens Rohark

 

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